Herr Magister Roland Labner:
Bitte einmal (1x)
kräftig niesen...
;-)

Warum in die Schweiz zu einem Wettkampf fliegen
und nachher zwölf Stunden mit der Bahn retour?
Die Gründe sind im wahrsten Sinn des Wortes "Eck-
daten" und drängen sich förmlich auf:

                Eine Treppe mit 3.5 km Länge
                Höhendifferenz: 1.643 Meter
                Ziel auf 2.336 Höhenmeter
                Max. Steigung (gefühlte) 1000 %

Es handelt sich um den Niesen-Treppenlauf
(Betriebstiege der Standseilbahn) mit nur 11.674
Einzelstufen hinauf zum Ziel, der am Samstag den
7. Juni 2008 erstmals mit MTVH-Beteiligung statt
gefunden hat.

Unser Roland Labner berichtet: "Wecker läutet um 04.45. Draußen schüttet
es. Nach kurzem Frühstück werde ich vom Quartiergeber zum Start gefahren.
Die ersten Läufer treffen ein. Ein Blick auf die Info-Tafel zeigt: Oben am Berg
Schütten bei minus 0,5 Grad. Im Tal hat es knappe 5 Grad plus. Was soll ich
anziehen? Die anderen wissen es auch nicht. Einige starten fast nackt, andere
wie ich entscheiden sich für lange Laufhose, T-Shirt und Regenjacke. 07.30:
die erste Dame startet, sehr kurz angezogen und läuft nicht, sonder geht. Die
werde ich sicher wo einholen. Vergiss es, die hat die Damenwertung schon
x-mal gewonnen, sagt man mir. 07:53:20 ich starte als 144. Über die Brücke
gemütlicher Lauf, die ersten Stiegen laufend, dann auf Doppelstiege gehen
wechselnd. Sauge mich an die Gruppe vor mir ran.

Irgendwie ist das Ganze ein Schwachsinn. Bin schon vollkommen fertig, als ich
das 1.000 Höhenmeter Schild erreiche = noch nicht einmal 400 HM der 1.700
geschafft. Vor mir liegen plötzlich drei tote Mäuse. Verdammt, die sind hier
auch krepiert. Der erste Tunnel ist geschafft. Jetzt das steilste Stück im ers-
ten Abschnitt = 65° Steigung. Von hinten werde ich konstant überholt. Dann
der zweite Tunnel. Saukalt wegen Sogwirkung und im Tunnel regnet es, ich
gehe durch eine Dusche. Am Ausgang sitzt jemand und sagt "er geht keinen
Schritt mehr und wartet auf die Bahn in zwei Stunden". Dann das 1.500 HM
Schild, nur noch 165 HM bis zur Mittelstation. Blick auf die Uhr, das wird knapp.
Ich muss das Zeitfenster schaffen. Dann die Mittelstation (65% der Distanz).
Werde mehrfach nach Namen etc. gefragt. Sie checken mich, ob ich noch fä-
hig bin, weiter zu machen. Einige haben schon aufgegeben und sind heraus
genommen worden. Kurzes Trinken und eine Banane und weiter geht es.

Sauge mich wieder an eine Gruppe ran und kann sogar an den meisten vorbei
ziehen, endlich bin ich der, der überholt. Nach rund 15 Minuten der nächste
Sanitäter der mich befragt. Sonst keine Zuschauer, wie denn auch, bei dem
Sch..wetter geht ja keiner freiwillig da rauf. Jetzt das steilste Stück auf Na-
turtreppe = nicht regelmäßig gesetzt. 68%. Das 1.800 HM Schild ist geschafft,
das 1.900 HM Schild ist geschafft. Brauche eine Pause. Die Gruppe geht an mir
vorbei ich hänge mich hinten dran. Jetzt der nächste Tunnel, Wechsel von der
Stiege außen in die Stiege innen. Ausrutschen und kurze Krämpfe links und
rechts. Die Gruppe verschwindet im Nebel im Tunnel. Auch dieser Tunnel ist
eine durchgehende Dusche (seit 5 Tagen schüttet es dort nur). Probiere die
Gruppe wieder zu erreichen, aber keine Möglichkeit. Gut, dann heißt es jetzt
nur noch finishen. Hinter mir sind ja auch noch welche. Am Ende des Tunnels
vor dem letzten Viadukt wieder ein Sanitäter. Er scheint meine Gedanken zu
kennen. "Gib Gas, in 600 Meter wartet das Bier auf dich". Nur in diesen 600
Metern sind noch ca. 380 HM enthalten. Und ich soll die wunderschöne neue
Treppe am Viadukt bewundern.

Das Viadukt ist fast geschafft, als ich die ersten Schlachtenbummler sehe und
oben die Leute jubeln höre. Hinein in den letzten Tunnel, der einfach nicht en-
den will. Oben angekommen noch eine kurze Laufstrecke mit rund 40 Höhen-
metern. Ich laufe los und nach einer Kurve geht’s bergauf, links und rechts im
Wadel verkrampft, wie auch Umstehende sofort erkennen. Hinauf ins Ziel mit
2:01 Stunden. Ich habe die längste Treppe der Welt bezwungen und bin nicht
Letzter geworden sonder 144ster (Genau meine Startnummer).

Danach beim Umziehen (Socken ausziehen) die wunderschönsten Krämpfe, die
ich jemals hatte. Links nur einen über 8 Minuten. Rechts zuerst ein starker und
danach die Extraklasse. Krampf im Wadel im Oberschenkel und im Bauch. Zwei
Läufer massierten mich rund zehn Minuten. Danach wollte ich mir den Socken
fertig ausziehen und nochmals krampft's im rechten Wadel los. Und ich habe
mehr als genug getrunken. Die Dusche war dann ein warmer Traum. Und jetzt
der Höhepunkt, das Bier schmeckte traumhaft.

Bei der Talfahrt sprach ich dann mit einem 1:10 Stunden Finisher und er zeigte
mir gut auf, dass ich (nicht nur ich) alle Fehler gemacht habe, die ein Green-
horn machen kann. Denn die Treppe ist zu lange zum Laufen und Doppelstiege
gehen. Das ist auch der Grund, warum die Stiegehauslauf-Profis dort nie Top-
Plazierungen zu finden sind. Das Erfolgsrezept: Von der ersten Stiege an alle
Stufen nur einzeln steigen. Trainieren kann man nur auf steilen Bergen oder
auf Rolltreppen in der Gegenrichtung, da sonst Pausen anfallen, die man am
Berg nicht hat. Außerdem mindestens ab vier Tagen vorher nicht mal mehr an
schnelles Gehen denken. In der Mittelstation mindestens drei bis vier Minuten
Pause einlegen und dabei die Beine hoch lagern.

Und die Moral von der Geschichte: Das mache ich nie mehr wieder but never
say never again. Die Stiegenfotos
links entstanden übrigens bei der Talfahrt.
Und um 11.00 Uhr hörte es auf zu regnen und als ich um 11.30 in den Zug
heimwärts stieg (...), sah man bereits den blauen Himmel".